PROGRAMM
Luzie Meyer
Besaid, bedone
In der performativen Lesung Besaid, bedone (2026) nähert sich Luzie Meyer der Lebensrealität der Barockkomponistin Barbara Strozzi in Form eines spekulativen inneren Monologs. Ausgangspunkt ist die Klagearie Che si può fare
, in der sich das Empfinden von Handlungsunfähigkeit und schwindender Hoffnung artikuliert. Durch pointierte sprachliche Brüche überlagert Meyer historische und gegenwärtige Erfahrungsräume und fragt nach den Bedingungen von Handlung und Autonomie. Strozzis Position als eine der wenigen Frauen, die im Venedig des 17. Jahrhunderts als Komponistin öffentlich in Erscheinung traten, war von gesellschaftlicher Abhängigkeit und prekären Verhältnissen geprägt. In der Überlagerung mit gegenwärtigen Formen sozialer und ökonomischer Abhängigkeit wird diese historische Situation als fortwirkende Struktur lesbar. Die Lesung eröffnet so einen poetischen Reflexionsraum über die Möglichkeit der Selbstbestimmung innerhalb begrenzter Handlungsspielräume.
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Luzie Meyer arbeitet als interdisziplinäre Künstlerin, Autorin und Übersetzerin. Ausgehend von einer genreübergreifenden Schreibpraxis realisiert sie Videos, Soundarbeiten, fotografische Installationen und performative Lesungen. Mit konzeptuellen und improvisatorischen Ansätzen durchzieht sie bestehende Logiken mit visuellen, klanglichen und semantischen Brüchen. In Praktiken des Zitierens, Fragmentierens und Re-Komponierens von Texten entstehen narrative Konstellationen, in denen Geschichte nicht linear erzählt, sondern als Überlagerung, Verdichtung und Verschiebung lesbar wird.
Anna R. Winder
I sometimes think of her as a spider
Anna R. Winder liest aus einem fortlaufenden Text, der ihre amateurhaft-detektivischen Recherche-Unternehmungen nachzeichnet und dabei die Form der Anekdote als Modus der Annährung erprobt. Ausgangspunkt ist die Suche nach einer Fotografie, die vom Hörensagen bekannt ist und angeblich zwischen 1969 und 1981 im Playboy veröffentlicht wurde. Im Verlauf der Suche ruft der Text fiktionale Figuren auf, die ähnlichen Nachforschungen folgen: Hazel Brown aus Lisa Robertsons The Baudelaire Fractal, Janine Dakyns aus W. G. Sebalds Die Ringe des Saturn, Charles Kinbote aus Vladimir Nabokovs Pale Fire und Daniel Quinn aus Paul Austers City of Glass, unter anderen. Sie alle sind detektivische Forscher:innen und Autor:innen, deren Begeisterung für ihre Untersuchungen schließlich über die Grenzen ihrer eigentlichen Arbeit hinauswächst.
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Anna R. Winder ist Künstlerin, Autorin, Buchhändlerin und Verlegerin und lebt in Berlin. Ihre künstlerische Praxis ist geprägt von einem Interesse an Formen des Publizierens und Übersetzens sowie Spekulierens. Literarische Texte, Besonderheiten und Eigensinn bilden häufig den Ausgangspunkt ihrer fotografischen und installativen Arbeiten. Darin befragt sie Prozesse der Übertragung und Rezeption sowie deren narrative und poetische Potenziale.
Karolin Meunier
Übersetzungsszenen
Karolin Meunier wird ihr Künstlerinnenbuch Commentaries. Vai pure, Carla Lonzi vorstellen, das gerade bei b_books erscheint.
Ausgangspunkt ist Meuniers Auseinandersetzung mit einem Werk der italienischen Kunsthistorikerin und Feministin Carla Lonzi: In Vai pure (Mailand 1980) hat Lonzi ein Gespräch mit ihrem Partner, dem Künstler Pietro Consagra veröffentlicht. Ausgehend von der Frage, wie ein Buch zu übersetzen ist, dessen Sprache sie nicht spricht, öffnet Meunier einen Raum, in dem Übersetzung als dialogische Praxis erkennbar und ein vielstimmiges Gespräch mit anderen Mitwirkenden initiiert wird. Lesen, Zuhören, Transkription und Editieren werden dabei zu ästhetischen Praktiken der Übertragung, in dem sich der Text von Vai pure in einem fortlaufenden Prozess des Austauschs neu erschließt. Zugleich eröffnen sich verschiedene Perspektiven auf den historischen Kontext von Lonzis Schreiben sowie Fragen nach Kunst, Produktivität, Anerkennung und Feminismus heute.
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Karolin Meunier lebt als Künstlerin und Autorin in Berlin und lehrt in Basel. Mit ihren Performance-, Text- und Videoarbeiten untersucht sie, wie der Zugriff auf individuelle Erfahrung durch kulturelle und standardisierte Praktiken vollzogen wird. Ihre Projekte entstehen häufig in kollaborativen Zusammenhängen und beschreiben eine künstlerische Praxis, die Übersetzungsprozesse, Gespräche sowie Schreib- und Lernweisen einbezieht.
Die Lesungen finden im Rahmen der aktuellen Ausstellung read to/for | I read to sense the doubling of time statt. Die Ausstellung versteht sich als Produktions– und Experimemtierraum, in dem installative Setzungen, Lesungen und Performances über die Lauzeit in wechselnde Konstellationen zueinander in Beziehung treten.
Es ist keine Anmeldung notwendig. Eintritt frei.
Das Projekt wird gefördert von der Stiftung Kunstfonds, Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) sowie der Kunststiftung NRW.
KUNSTVEREIN BIELEFELD
Welle 61
33602 Bielefeld
Do–Fr 12:00–18:00
Sa–So 13:00–19:00
Mo–Mi nach Vereinbarung
An Feiertagen geschlossen
T +49 (0) 521.17 88 06
F +49 (0) 521.17 88 10
kontakt@kunstverein-bielefeld.de